Bericht zum AG-Workshop „Politiken des Interface“ (Potsdam)

Am 10. Juni 2016 fand in den Räumlichkeiten des ZeM (Brandenburgisches Zentrum für Medienwissenschaften) in Potsdam der erste Workshop der AG Interfaces statt. Unter dem Titel “Politiken des Interface” setzten sich Mitglieder der AG mit der Frage auseinander, welche Machtkonstellationen und Politiken des Interface in unterschiedlichen computerbasierten Anwendungskontexten am Werk sind und wo sich Ansatzpunkte der Kritik ausmachen lassen. Dabei wurden neben diskursgeschichtlichen Annäherungen vor allem ästhetische Politiken und Fragen der Relation von Interfaces und Körpern diskutiert.

In der Einführung machten Timo Kaerlein und Sabine Wirth darauf aufmerksam, dass Kittlers Kritik an grafischen Benutzeroberflächen, welche die Hardware-Vergessenheit in der Betrachtung der Oberflächen anprangert, sich mit Verweis auf einige Überlegungen aus dem kittlerschen Nachlass kontrastieren lässt. Die Probleme beginnen laut Kittler stets mit dem Umweltanschluss des Systems, dem sogenannten Interface, das als Schnittstelle zum menschlichem Nutzer agiert und somit als Herausforderung für die Medienwissenschaft die Frage aufwirft, in welchen Termini sich Interfaces überhaupt beschreiben lassen.

Im ersten Panel standen sowohl theoretische Überlegungen zur Interface-Analyse als auch ästhetische Aspekte des Interface Design zur Debatte. Jan Distelmeyer (Potsdam) legte den Fokus auf das Machtspiel, das sich im Gebrauch von Interfaces ergibt und für welches er den Begriff des Verfügens/Sich-Fügens vorschlug, den er aus der Verwendung des Dispositivbegriffs im deutschen Recht ableitet. Neben dem Konzept der Ästhetik der Verfügung stellte Distelmeyer auch den filmwissenschaftlichen Begriff der mise-en-scéne sowie den Begriff der operativen Bilder (Farocki) für die Interfaceanalyse zur Diskussion. Oberfläche/Tiefe ist ein weiteres Begriffspaar, das für die Analyse von User Interfaces nutzbar gemacht werden kann. Neben der in den 1990er-Jahren formulierten Kritik an der Opazität der Oberfläche (Kittler) und dem Phantasma des direkten Zugriffs in der frühen Heimcomputerkultur (Turkle), lässt sich – wie Sabine Wirth (Marburg) aufzeigte – im Diskurs um Personal Computing eine Verlagerung der Transparenz/Opazitäts-Frage auf die Ebene des Interface beobachten. In neueren Theorieansätzen wird jedoch deutlich, dass Interfaces nicht als Verhüllung bestimmter Tiefenoperationen, sondern als eigenständige mediale Formationen gelten müssen, wobei das Verhältnis von Oberfläche und Tiefe im Gebrauch stets neu ausgehandelt wird.

Joachim Haupt und Florian Hadler (Berlin) arbeiteten Parallelen zwischen den Material Design Guidelines von Google und Paradigmen der (russischen) Avantgarde heraus und hoben das universalistische Pathos hervor, welches mit der Behauptung eines radikalen Neuanfangs (im Fall der Google-Guidelines: die Hinwendung zum Materiellen) und dem Ziel einer funktionell-alltagstauglichen, aber stark regulierten Ästhetik einhergeht. Die Ambitionen der Google-Designer seien dabei durchaus mit den Programmen der künstlerischen Avantgarden des 20. Jahrhunderts vergleichbar, insofern eine ästhetische Umgestaltung der Lebenswelt sowie eine radikale Anwendungsorientierung als Ziele verfolgt würden. Auch Boris Müller (Potsdam) machte in seinem Beitrag deutlich, dass es sich bei der Interface-Revolution nicht nur um eine Technikgeschichte, sondern auch eine Design-Revolution handelt, die weitreichende Konsequenzen für die Alltagsnutzer_innen hat. Besonders die Reichweite von Programm-Updates und die damit verbundenen Firmenpolitiken, die einen regelrechten Update-Zwang installieren, wirft die dringliche Frage nach Diskursmacht und Herrschaftswissen auf.

Im zweiten Panel wurde die Historizität von Interfaces in zweifacher Hinsicht adressiert: Einmal ging es um die Frage nach Interfaces vor dem Interface (Jana Herwig, Wien), d. h. um den physischen Umgang mit Objekten, der eine Vermittlungsleistung einschließt, sich aber nicht erschöpfend als Zeichenprozess beschreiben lässt. Herwig bezog sich unter anderem auf das Beispiel mittelalterlicher Pontifikalhandschuhe, deren liturgische Verwendung Gegenstand von Auseinandersetzungen war, die sich unter anderem um die Frage nach einer Differenzierung von symbolischem Ausdruckscharakter und konkreter Gebrauchsfunktion drehten. Der Beitrag von Timo Schemer-Reinhard (Siegen) arbeitete am Beispiel von Hans Blumenbergs technikphilosophischer Reflexion zum Unterschied zwischen mechanischer und elektrischer Türklingel die Entkopplung von Handlung und Effekt als generelles Charakteristikum des Interface heraus. Blumenberg habe, so Schemer-Reinhard, fast unbeabsichtigt einen steuerungslogischen Ansatz entwickelt, indem er die von Husserl übernommene abstrakte Technikauffassung mit einer dinglich-objektivierten erweiterte und damit gleichsam eine Interfacekritik avant la lettre formuliert. Genauso wichtig wie die Frage nach dem Proto-Interface bzw. nach Denkfiguren zum Interface jenseits des Computers ist die nach der konkreten historischen Genese der heute verbreitetsten user interfaces. Sophie Ehrmanntraut (Potsdam) widmete sich in ihrem Beitrag einer Episode ebendieser Interfacegeschichte, nämlich der Domestizierung von Homecomputern in Popularisierungsdiskursen der 1980er-Jahre, in denen sich das heute noch dominante Dispositiv des Personal Computers herausbildete und verfestigte. Unter Berücksichtigung von Archivmaterial wie Werbetexten für frühe PCs und in Hobbymagazinen veröffentlichten Debattenbeiträgen zeigte Ehrmanntraut auf, wie dem Blackbox-Charakter der zunächst unbekannten Technik mit gezielten Strategien der Intimisierung in der Schnittstellengestaltung begegnet wurde.

Daran konnte der erste Beitrag im letzten Panel des Workshops nahtlos anknüpfen, das sich um die Körperlichkeit von Interfaces und die darauf zielenden Designstrategien drehte: Timo Kaerlein (Paderborn) kontrastierte eine zeitgenössische Werberhetorik, die mit dem Schlagwort des intimate computing operiert, mit davon abweichenden Konzeptionen eines intimate computing im Umfeld der Learning Research Group am Xerox PARC in den 1970er-Jahren. Durch die Rekonstruktion verschiedener dazwischenliegender computerwissenschaftlicher Verwendungen des Ausdrucks wurde eine Genealogie skizziert, die mit dem Wandel des PCs von der kognitiven Prothese zur Plattform eines personalisierten Konsumangebots korreliert. Die letzten beiden Beiträge des Tages fokussierten verschiedene Schauplätze des Schnittstellendesigns, in denen Körper und speziell die Relation von Interface und Anwenderkörper eine zentrale Rolle spielen. Regina Ring (Bonn) lenkte die Aufmerksamkeit auf Wearable Computing-Technologien, deren komfortable Bedienung im Vergleich zu weniger körperbezogenen Interfaces veränderte Anforderungen stellt. Aufgrund der angestrebten Unterschwelligkeit, Unaufdringlichkeit, ja vermeintlichen Unmittellbarkeit von Wearables rücke, so Ring, die Frage nach der Autonomie von AnwenderInnen ins Zentrum einer ethisch orientierten Interfaceforschung. Insofern Wearables verstärkt eine aktive Rolle im Sinne einer persuasive technology zukomme, fungieren sie als Normierungs- und Normalisierungsinstanzen, deren Effekte einem neuen Freiheitsempfinden durch die Portabilität der Hardware entgegenstünden. Bianca Westermann (Bochum) gab am Ende eines produktiven und vielfältigen Workshoptages einen Einblick in die Forschungen zu social robots, die als mit eigener Körperlichkeit ausgestattete relational artifacts (Sherry Turkle) in ein partnerschaftliches Verhältnis zu ihren AnwenderInnen treten sollen. Beim Interfacedesign kommen daher in diesem Bereich sehr explizite Anthropomorphisierungsstrategien zum Einsatz, die bis zur mimetischen Nachbildung von Gesichtern, emotionalen Ausdrücken und Verhaltensweisen reichen. Westermann plädierte dafür, über eine kulturkritische Sichtweise auf anthropomorphe Maschinen hinauszugehen, indem zunächst näher bestimmt werde, welche Parameter der Interaktion es sind, die einen Eindruck von Autonomie und Intentionalität bei social robots hervorrufen, und fokussierte insbesondere auf den Begriff der Responsivität in der human-robot interaction.

Als weiteres wichtiges Arbeitsfeld der AG, welches viele der vorgestellten Forschungsprojekte gemeinsam betraf, kristallisierte sich die Frage nach der Zugänglichkeit des Materials heraus: Für eine medienarchäologische und -historische Forschung zu Interfaces stellt sich die Herausforderung, dass es bisher keine institutionalisierte Dokumentation/Sammlung von Betriebssystem-, Programm- und Softwareversionen gibt. Während Computermuseen meist vorrangig Hardware archivieren und ältere Rechner und Datenträger oft nicht über lange Zeiträume hinweg am Laufen gehalten werden können, sind es eher private Sammler, die verstreut für die Archivierung von Software sorgen. Die AG Interfaces wird sich der Aufgabe stellen müssen, eine Zugänglichkeit von Material für die historisch ausgerichtete Forschung zu Interfaces sicherzustellen.

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